Langes Warten auf Therapie

Wenn Menschen psychisch erkranken, dauert es noch immer viel zu lange, bis sie eine entsprechende Therapie erhalten – selbst dann, wenn die Therapie als Fortsetzung einer Behandlung im Krankenhaus dringend nötig wäre. Das zeigt eine neue Studie.

Man stelle sich vor: Ein Zahn schmerzt, das Ziehen geht in ein Pochen über, schließlich ist an ein normales Leben nicht mehr zu denken. Es gibt aber keinen Zahnarzt, zu dem man auf Kassenkosten gehen kann, weshalb man letztlich in der Klinik landet. Menschen mit psychischen Erkrankungen gehe es oft genau so, sagt Friedrich Riffer, ärztlicher Direktor des Psychosomatischen Zentrums Eggenburg in Niederösterreich: „Patienten, die bei uns stationär aufgenommen werden, haben im Vorfeld zur Hälfte keinen kassenfinanzierten Therapieplatz. Unsere Studie zeigt, dass 20 Prozent der Patienten mehr als drei Monate warten müssen, das ist natürlich zu lange.“

Für die Studie wurden 655 Patientinnen und Patienten befragt, die so schwer psychisch erkrankt sind, dass sie zwischen Juli und Oktober 2017 in niederösterreichischen Kliniken aufgenommen wurden. Und dabei zeigte sich, dass auch die Versorgung nach einem Klinikaufenthalt lückenhaft ist. Die Menschen können es sich schlicht nicht leisten, eine Psychotherapie privat zu bezahlen. „Ein Drittel unserer Patienten hat ein Haushaltseinkommen von unter 1.000 Euro im Monat, zwei Drittel immerhin noch unter 2.000 Euro“, so Riffer. Psychotherapie sei privat nicht finanzierbar.

Nur Medikamente gänzlich finanziert

Nahezu zur Gänze durch die Krankenkassen finanziert werde derzeit nur die Behandlung mit Medikamenten, kritisiert auch Peter Stippl, Präsident des Bundesverbandes Psychotherapie: „Psychopharmaka sind ja ganz einfach in ein, zwei Minuten vom Hausarzt verschrieben und eine leichte Verbesserung tritt ein, aber keine Veränderung. Erst die Psychotherapie macht die Veränderung.“

Dass laut einem Konzept des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger die Zahl kassenfinanzierter Psychotherapieplätze bis 2019 auf 78.000 aufgestockt werden soll, reiche nicht aus, so Stippl. „Wir bräuchten etwa ein Vierfaches davon. Das ist eine gute Entwicklung, aber von der Menge her ein Tropfen auf dem heißen Stein.“

Auch rein finanziell betrachtet zahle es sich aus, in Therapie vor und zwischen Krankenhausaufenthalten zu investieren. Denn die Studie habe gezeigt, dass Patienten, die nach dem Klinikaufenthalt keine weiterführende Psychotherapie bekommen, einige Monate später wieder die Klinik brauchen. Mit der Finanzierung eines Klinikaufenthalts könnte man drei Jahre Psychotherapie zahlen.

Depressionen, Ängste, Süchte und schwere Erschöpfungszustände gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Österreich. Rund 300.000 Menschen gelten als so schwer psychisch krank, dass sie eine sofortige Behandlung brauchen würden.

Elke Ziegler, Ö1-Wissenschaft

http://science.orf.at/stories/2879742/

Mi, 27.06.2018

2018-06-27T19:36:45+02:00 27. Juni 2018|